AUF HARTEM GRUND
Maik Schlüter
Aktion und Abbild, Aufführung und Aufzeichnung, reale oder mediale Erfahrung, wie man die Begriffe auch gegeneinanderstellt, Kontraste und Unterschiede herausarbeitet: die Performance ist immer eine Art der Zuspitzung, der Verdichtung, der Über- oder Untertreibung, der Explosion oder der Reduktion von Gefühlen, Handlungen, Worten, Gesten und Gedanken. Was sie heraushebt aus dem Kontext der bildenden Kunst ist die reale Aktion einer oder mehrerer Personen, die die abstrakte Formensprache des Bildes oder der Skulptur in eine Handlung übersetzen, deren Ziel zunächst kein Bild und keine Figur ist, sondern die Aktion selbst. Egal wie künstlich oder konzeptuell, wie organisch oder aseptisch der Vorgang ist: im Mittelpunkt steht der Akt. Aber auch Akte können hinsichtlich ihrer Wirksamkeit als Bild oder im Film inszeniert und entworfen werden. Die Aufführung findet dann auf mindestens zwei Ebenen statt: der realen Performance, die zeitlich begrenzt dem Publikum live vorgeführt wird, und der Dokumentation, die dann als Aufzeichnung dem realen Akt nachfolgt. Aber genauso präsent und akzeptiert sind alle die Performances, die ihr Publikum nicht direkt ansprechen wollen, sondern Unmittelbarkeit durch Medialität ersetzen und die Verdichtung, Abstraktion und Kontrolliertheit eines Videos bevorzugen. Video-Performance muss deshalb nicht weniger authentisch, beeindruckend, intensiv oder unausweichlich sein, denn längst ist jede Form der medialen Darstellung als Film-, TV- oder Computerbild der nicht medialen Erfahrung gleichgestellt. Zum anderen erzeugt die Klarheit eines Objektivs eine Genauigkeit und Konzentration, die das Auge in der Aktion einer Bewegung und im Zusammenspiel mit allen anderen sensorischen und motorischen Abläufen niemals erreichen kann. Die visuelle Fokussierung drängt zu einer Überpräsenz des Gezeigten, lässt Abläufe deutlicher hervortreten und schafft es trotz der medialen Schranke, fast jede Membran emotionaler Empfindung in Schwingung zu versetzen und die Schutzfunktionen des Wahrnehmungsapparates auszuhebeln. Soziale Ängste oder Ängste in Bezug auf Interaktion mit anderen Körpern, die sich einem nähern, einen ansprechen, berühren, bespucken oder beleidigen, werden im Video genauso stimuliert wie das Repertoire der unmittelbaren Anteilnahme durch Mitleid, Bewunderung, Abscheu, Attraktion oder Begehren. Aktion und Abbild sind zwei Seiten einer performativen Medaille.
Was für die Performance gilt, gilt auch für Bereiche des sozialen Lebens. Die mediale Übertragung wird von den allermeisten Menschen nicht in Frage gestellt, ihre Verzerrungen, Verkürzungen, Übersteigerungen, Widersprüche und Absurditäten sind Alltag und Wahrheit des Lebens. Die Unterwerfung und Abhängigkeit von medialen Vorgaben ist immens. Voyeurismus und Identifizierung gehen oftmals Hand in Hand und schaffen es, die Anforderungen und Abwertungen von medialen Inszenierungen gleichermaßen in den Hirnen und Herzen der Zuschauer und Showteilnehmer zu platzieren. Die Riten und Inhalte der Programme sind bekannt: grelle und groteske Selbstdarstellung, Emotionales und Sprachliches aus den Untiefen der sexuellen, kommerziellen, sozialen oder ökonomischen Sinnsuche eines wandelbaren Identitätsbegriffes. Wandelbar sind die Bilder, aber nicht vielfältig, denn die Masken sind die immer gleichen: Peinliche Pseudointerpreten von eindimensionalen Songcontests gehören ebenso dazu, wie die übersexualisierten Opfer aus den abgedroschenen Pornophantasien der unerfüllten Triebabfuhr. Daher lautet der Titel einer Arbeit der Video- und Performancekünstlerin Anke Stiller auch: “Keep trying and you make the show” (2010). Eine Durchhalteparole par excellence: passend zu den Stereotypen Slogans einer leistungsfixierten und multitask organisierten Gesellschaft. “Du schaffst es, wenn du es willst, jeder kann es schaffen, und wenn du es nicht schaffst, dann liegt es an dir, du hast eben nicht lange genug durchgehalten.” Banaler, aber täglich gelebter Sozialdarwinismus. Was die Performance von Anke Stiller aber zeigt ist folgendes: Männer, Frauen und Kinder erproben zu einem blechernen Popsong-Geleier eine Choreografie. Tanzschritte, wie wir sie kennen aus den MTV-Billigproduktionen des Musikvideos und aus den Tanzschulen der Privatsender-Ballette: vor und zurück, hin und her, auf und nieder. Keine Frage, Anke Stillers Performer (inkl. sie selbst) geben alles und scheitern. Das Dance-Programm ist aufwendig und schwierig. Wer es beherrschen will muss alles geben, Konzentration und Körperbeherrschung, Fitness und Disziplin, Rhythmus und Feeling haben. Was wir auf den sechs Monitoren sehen, ist ein unbeholfenes Stolpern. Dennoch: im Spiegel dieser alltäglichen Performance kommen die Reste des subjektiven und individuellen zum Tragen und zeigen weniger die Fehlbarkeit der Akteure als vielmehr die Idiotie, sich den Rhythmen und Bewegungsabläufen der Videostars, Grandprix-Teilnehmer oder der Castingshows zu unterwerfen. Der Erfolg ist dabei immer ein Produkt ohne Aussicht auf Verwirklichung und die Demütigung des Ausschlusses, oftmals öffentlich vollzogen, für manchen tatsächlich von emotionalem Gewicht.
Diese Rückkopplung mit den Prozessen sozialer Repression gibt es in den Arbeiten von Anke Stiller in vielen Variationen. “Work Out II” (2007-2009) setzt einen Schritt vor dem Dauerbeschuss der Privatsender an und dringt gleichzeitig tiefer in die Grundstruktur von allgemeinem Konditionieren ein. Die Arbeit “SAY YES” (15:26, 2007), die unter dem Obertitel “Work Out” gezeigt wird, wiederholt bis zur Erschöpfung die sinnlose Forderung nach grenzenloser Bejahung im Sinne einer absoluten Selbstsuggestion. “Sag Ja!, und sei ein Gewinner, sagt Ja!, und du kannst es schaffen (was auch immer), sag Ja!, und dein Job, deine Karriere, dein Konto, dein Sex, dein Leben, alles wird dir gelingen!” Die esoterische Formel des positiven Denkens ist auch eine Grundfigur seriöser Psychologie, kann aber im selben Maße zur Mitarbeitermotivation im amerikanischen Stil genutzt werden. “YES, YES, YES”: das weiße helle Ja! ist in Wahrheit eine Leerformel, ein Mittel zum Zweck und in einer durchrationalisierten Gesellschaft längst nicht mehr unschuldig. Anke Stiller motiviert sich im Video fast bis zum Umfallen. Genau dieser Widerspruch macht aus einem überschwänglichen Ja ein sattes Nein. “CATWALKING” (34:08, 2008) zeigt den Stumpfsinn der Mode-Erotik und der Laufsteg-Disziplin. Auch hier gilt: der Job der Models ist ein hartes Brot. Die Auswahlverfahren sind rigide, der Stress immens, Mode und Kreativität, Ästhetik und Sexualität, soziale Normen und Kleidung, äußere Erscheinung und Identität, das alles liegt im Komplex Mode verborgen. Aber eben auch alle negativen Varianten von eindimensionalen Frauenbildern, Fokussierung auf Oberflächlichkeit und die Gier nach nackten Körpern, bizarren Verrenkungen und geilen Klamotten. Der Catwalk ist auch ein Gang nach Canossa und ein Ritus der Selbstaufgabe. Anke Stillers Catwalk inszeniert die Sinnlosigkeit bis zur Schmerzgrenze. Schmerzen spielen auch eine Rolle bei “Work Out I” (2005-2006). Fallen, Gehen, Rollen: Bewegung und physische Statik werden als existenzielle Zustände von Haltung und Fortbewegung interpretiert. Wie eine Gliederpuppe, bei der die Gummibänder der Extremitäten abwechselnd angezogen und dann wieder lockergelassen werden, klappt die Künstlerin zusammen und steht wieder auf (“FALLEN”. 2005). Der Sturz ist hart, plump und ungelenk. Kein Anflug von Grazie oder akrobatischer Finesse. Wer fällt, der fällt, tut sich weh und muss im Zweifelsfalle wieder aufstehen. Die Schwerkraft begegnet jeder Art von physischer Schwäche erbarmungslos.
Auch das Gehen wird zur Qual, wenn es mit bleiernen Füßen und betonschweren Beine erfolgen soll. Das Vorankommen ist im Video (“GEHEN”, 2006) langsam, quälend langsam, so langsam, dass man fast das Fallen vorziehen möchte, ist es doch in seiner Härte und Klarheit wenigstens greifbar und scheinbar kontrollierbarer. Wenn man aber gebremst, gestoppt und festgehalten wird von einer unsichtbaren Kraft, dann liegt das Zentrum dieser Macht außerhalb unseres Blickfeldes. Am-Boden-Rollen als Ausdruck der Regression und der Verzweiflung ist schließlich der Gipfel der Verweigerung in Bezug auf die Forderung, ein aufrechtes und zielgerichtet handelndes Individuum zu sein (“ROLLEN”, 2006). Suhlen, Wälzen, Rollen, alles am Boden, alles nicht stehend, nicht souverän, sondern angreifbar und wiederkehrend. Aktion und Abbild, Person und Spiegel, Handlung und Zerrform: Die Video-Performances lösen alle Widersprüche auf. Intensiv, konzentriert, konzeptionell, inszeniert, abgefilmt und projiziert sind die Arbeiten von Anke Stiller genauso wahr wie jeder Slogan, jedes Casting und jede vermeintlich unschuldige Alltagshandlung. Freiheit wird zum Zwang und die Palette der Auswahlmöglichkeiten bloße Wiederholung. Die einzige Gewissheit, die man hat, ist der Boden, auf dem man steht, und der ist manchmal ziemlich hart.
aus: Stiller, Anke: Show on, Hrsg. Lindenau-Museum Altenburg und Jürgen Ponto-Stiftung, Frankfurt am Main, 2011

WORTE. Katja Hochstein und Anke Stiller
im Augustinerkloster Gotha
Elisabeth Rentsch M. A., Kunsthistorikerin
Laudatio anlässlich der Ausstellungseröffnung
am 07. September 2013
Worte können verschiedene Formen, Bedeutungen und Funktionen annehmen. Wir nutzen sie als Kommunikationsmittel, wir können sie als Appelle, Informationsträger, als Gedankenstützen, etc. verwenden, wahrnehmen und verstehen. Im Grunde sind Worte zeichenhafte Konkretisierungen unserer Gedanken, Hoffnungen, Wünsche und Träume. Von daher „sprechen“ sie uns auf ihre ganz spezifische Weise an.
In der Ausstellung WORTE, die wir heute feierlich eröffnen, werden einerseits raumgreifende Installationen und andererseits kleinteilige, serielle Arbeiten von den Künstlerinnen Anke Stiller und Katja Hochstein präsentiert, die sich für den Betrachter in den zum Teil verwinkelten Räumen des Augustinerklosters auch – wortwörtlich – über Umwege erschließen. In ihren bildkünstlerischen-konzeptuellen Werken können wir ganz unterschiedliche Umsetzungsformen erleben, die sich der Verschränkung bzw. dem Spannungsfeld von Text und Bild widmen.
Beide Künstlerinnen integrieren nicht nur Worte bzw. Textausschnitte oder Slogans in ihren Arbeiten, sondern nutzen geschriebene Worte als Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Auseinandersetzung. Dabei interessiert sie die Verbindung von Sehen, Verstehen und Erkennen sowie die Ambivalenz zwischen der Macht der Worte und ihrer Nichtgreifbarkeit, ihrer eigentlichen Dinglosigkeit. Einerseits bilden Text und Bild eine Einheit, auf der anderen Seite sind die Worte aber auch für sich eine eigene Dimension innerhalb des Kunstwerks.
Die Foto-, Video- und Performancekünstlerin Anke Stiller hielt im Rahmen einer Ausstellungseröffnung auf dem Europaplatz in Stuttgart im September 2010 eine Eröffnungsrede, die als Performance konzipiert wurde und die allein aus einer Aneinanderreihung von Werbesprüchen bestand. Damit möchte ich Sie, verehrte Besucher, nicht konfrontieren. Dennoch zeigt es, wie zahlreich, wie präsent Werbestrategien und Werbesprüche sind; wie sie uns in unserem Alltag umgeben, ja wie sie uns einfangen und unser Denken, Bewusstsein und Handeln prägen können.
In ihren Schriftbildern isoliert sie die knappen, aber umso eindringlicheren Zitate von meist Werbeplakaten aus unserem Umfeld heraus. Indem sie allein den Text, d.h. die einzelnen schwarzen Lettern, auf weißem Papier in fetten Majuskeln druckt und rahmt, entnimmt sie diese aus ihrem eigentlichen Kontext. Die weiße Fläche des Grundes unterstützt dabei den vermeintlichen oder gut gemeinten Wahrheitsanspruch. Textzeilen wie „BILDE DICH FORT“, „TRIFF DIE VIELFALT“ oder „THINK GREEN“ sowie „JUMP INTO LIFE“ oder „OPEN YOUR MIND“ aus der Serie MOVING WORDS 2013, Slogans I sind an uns gerichtete Imperative, die nicht nur eine bestimmte Lebenshaltung und -einstellung fordern, sondern die zugleich darauf verweisen, wie wir nicht sind und was uns – anscheinend – fehlt.
Dabei sollen wir doch nur „WEITER KOMMEN“, „MEHR ERLEBEN“ und „DAS RICHTIGE TUN“ und können dabei noch „GENUSS ERLEBEN“. Was spricht dagegen?
In den kleinformatigen Arbeiten MOVING WORDS 2013, Slogans II begegnen uns nicht selten auch paradoxe Konstellationen innerhalb eines Werbespots zum Beispiel wenn es heißt „flexibler. sicher. fair.“ oder „natürlich. effektiv. gesund.“. Insgesamt können diese als Bestandsaufnahmen unserer Gesellschaft gelesen werden: es sind Erwartungshaltungen, die wir zu erfüllen haben, die aber – vor allem in ihrer Gesamtheit – von einem Ideal ausgehen, das es nicht gibt.
Was wir in dem Kirchenraum und in den anderen Ausstellungsräumen sehen, sind im Grunde Schrifttafeln, die in ihrer Prägnanz, Eindringlichkeit und vor allem auch in ihrer Reihung einen neuen und auch bewussteren Blick auf die gesellschaftlichen Formeln und Vorgaben zulassen und herausfordern. Anke Stiller spielt dabei mit Bekanntem und Irrationalem, mit Anspruch und Wirklichkeit und nicht zuletzt mit der Verortung des Individuums in dem Makrosystem der Gesellschaft. In diesem Sinne können wir in diesen Textzeilen und Wortblöcken auch Indikatoren unserer Gesellschaft lesen.
Ihre künstlerische Umsetzung besticht durch das Herausfiltern des Kerns, also der Worte, aber sie bietet uns vor allem die Möglichkeit, eine neue Auseinandersetzung mit deren Bedeutungen, Strategien sowie deren ideologischen Gehalt und ihrer Relevanz für unser Alltagsleben und unser Bewusstsein zu aktivieren.

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