VIDEOINSTALLATION, 2006
 
SOPRAN, DVD, 20:00
ALT, DVD, 20:00
TENOR, DVD, 20:00
BASS, DVD, 20:00
Installationsansicht, Kulturarena Jena 2006, im Rahmen von: "Treibhaus - Kulturen des Sendens und  Empfangens", AG Tiefseh
Die vier performativen Videos der Arbeit SHOW ON zeigen eine Performerin, die an einer Art Stereotypie, dem Zwang zur Wiederholung, leidet und sich hilflos und ein wenig lächerlich, aber doch auch wieder stark, an den entleerten Begriffen von Schönheit und Weisheit abarbeitet.
The installation SHOW ON deals with the final choir of W.A. Mozart’s musical comedy “The Magic Flute”. The text of this choir says that strength has won and crowns beauty and wisdom with an eternal crown.
The 4 monitors show 4 different singing solo performances – the 4 different voices of the choir – which examine and test the keywords of this choir, strength, beauty and wisdom, from a contemporary, media critical view. One sees a performer imprisoned in a kind of stereotyped, constant repeating and slaving away helplessly and a bit funny but also strong and powerful on the emptied ideas of beauty and wisdom.
Die Videoinstallation „show on“ besteht aus 4 zwanzigminütigen Videos in denen ich selbst als Soloperformerin agiere und singe. Ausgangspunkt meiner Arbeit bildete einerseits das Phänomen der Show als einer cultural performance [1], andererseits die Utopie von Schönheit und Weisheit ausgedrückt im Finalchor der Zauberflöte.

Show on. Meine vier im Studio gedrehten Videos (Sopran, Alt, Tenor, Bass) zeigen vier Sänger-„Stars“, welche unterschiedliche Performances zu ihrem Gesang aufführen. Sie machen Shows auf der Showtreppe in einem Studio. Sie treten auf. Sie agieren in dem Realraum einer Show, dem Studio, das zum Echt-Zeit-Raum [2] ihrer Performances wird.
Aber irgendwie wirkt diese Showbühne trotz der Showtreppe, im Gegensatz zur wirklichen Fernsehshow, leer, die Sänger verloren in dem weißen Raum. Die Showeffekte fehlen. Es wird eher das Gefühl von einer Show nach der Show vermittelt. Das Publikum ist gegangen. Der Kameramann und die Techniker sitzen in der Kantine und haben vergessen, das Licht und die Kamera auszustellen. Die Sänger agieren weiter, they show on, obwohl ihre Show schon beendet ist. Sie sind in der ständigen Reproduktion ihres Auftrittes gefangen. Sie versuchen ihre Stärke und Schönheit in einem sinnlosen Kampf mit dem Material (der gesungenen Chorpartie) und sich selbst aufrecht zu erhalten und zu beweisen. Sie wirken immer hilfloser, teils auch lächerlich.
Dies ist der show-on-Effekt, welcher sich einstellt, wenn die Show total wird und in ihrer Totalität sich als Show auflöst, Realität wird, bzw. sich in der Realität reproduziert, re-Show-ed. Denn die Performer auf dieser Nach-Show-Bühne sind nicht nur die Stars, sondern auch wir als Teil dieser an Stereotypie leidenden Show-Gesellschaft.
Die Show (als Metapher) ist Ausdruck einer allgegenwärtigen Kulturindustrie, einer absoluten Ästhetisierung des Alltags. Anders gesagt: „Alles ist Show!“ [3].
Die Stereotypie, die krankhafte Wiederholung sprachlicher Äußerungen und motorischer Abläufe, meiner Performer ist das Abbild der Stereotypie der heutigen Gesellschaft, welche unter ihrem Reproduktionszwang, dem Zwang zum Neuen, welches sich dann doch als das Alte entpuppt, leidet. Ihr ist es nicht gelungen, das wahrhaft Neue, das unerlöste Potential des Alten, die Utopie hinter den Idealen der Schönheit und Weisheit zu verwirklichen. (Die sich vielleicht auch nicht verwirklichen lässt, ohne sich selbst zu zerstören.) Stattdessen hat sich die Schönheit durch ihre eigene Omnipräsenz in der Alltags-Show aufgelöst. Die Weisheit (die Selbstvervollkommnung) transformierte sich in den Selbstverwirklichungsdrang, die Egozentrik des modernen Individuums, das sich nach allen seinen Möglichkeiten als Besonderes (und vielleicht noch ständig neu) zu entwerfen trachtet, dabei aber oft vergisst, dass es nur durch und mit den Anderen sich selbst verwirklichen kann bzw. auch nur ein Produkt der Kultur, des gängigen Lifestyles ist.
"Es siegte die Stärke, und krönet zum Lohn die Schönheit und Weisheit mit ewiger Kron’.“ [4] Dies ist der Text des vierstimmigen Schlusschores der Zauberflöte, welchen ich zu einem Quartett (vier Einzelstimmen) reduziere, ganz im Sinne von anderen bekannten Opernfinalen in denen die unterschiedlichen Hauptfiguren am Ende in einen gemeinsamen Gesang einstimmen, aber nicht als Einzelne in diesem Ganzen untergehen. Jede behält ihr Kostüm und ihren bestimmten Platz im Raum und bleibt somit in ihrer Besonderheit erhalten. Die einzelne Sängerstimme ist noch als Individuelle wahrnehmbar. Die Spannung zwischen Einzelnem und Allgemeinen wird aufrechterhalten. Ähnlich verhält es sich in meiner Installation. Es gibt vier verschiedene Figuren, die jeweils ihren eigenen Raum, in dem Fall, ihr eigenes Video, haben.
Da ich den Schlusschor a-capella singe, entstehen Pausen, wo sonst das Orchester spielen würde, der Klang reduziert sich auf den vierstimmigen Chorsatz. Es bildet sich außerdem ein homogener, auf eine einzige Stimme beschränkter Klang, da ich alle vier Stimmen allein singe. Der Sinn eines Chores, möglichst viele Stimmen zu vereinen, um einen homogenen, vollen Klang zu erzeugen, wird ad absurdum geführt. Der Chor wird subjektiviert. Aber der Entleerung nicht genug, werden die vier Stimmen auch noch aus ihrem homophonen Zusammenhang gerissen, versetzt gesungen, so dass eine Art Polyphonie entsteht. Die Einzelstimme wird zur absoluten Einzelstimme, der Chor zu einem chaotischen Gewirr der vier Stimmen. Eine musikalische Entwicklung ist nicht mehr nachvollziehbar. Da die Sängerin ihre Chorstimme jeweils über 20 Minuten wiederholt, verstärkt sich das Gefühl der Leere und der Statik gerade in dieser „Endlosbewegung“.
Aus diesem Chaos kann man immer mal wieder die einzelnen Schlagworte Stärke, Weisheit und Schönheit vernehmen, aber sie bleiben Schlagworte, leere Hüllen eines Objektiven, da ihr Gesamtzusammenhang endgültig zerstört ist [5].

Anmerkungen

1 Meine in den Videos festgehaltenen Performances sind Performances im Sinne der Performance-Art. Sie beziehen sich auf die Show als einer medialen cultural performance, welche unser Selbst-verständnis und unsere Kultur prägt. Ihre Aufgabe als Performances der Performance-Art ist es (bezogen auf die cultural performance der Show), die showeigenen Performances (Auftritte), durch den Einbruch des Realen in den „künstlichen“ Auftritt, also durch das reale Ereignis, als Show (Pseudo-Ereignis) bloßzustellen. Als Performance-Art für das Video gemacht, werden sie selbst wieder zum Bild (und autonomen Kunstwerk). Die bloßgestellte Show zur umfassenderen Metapher.
2 Echt-Zeit-Raum (Charles 1989) ist ein Begriff zur Beschreibung des Raumes einer Performance. In einem faktisch gegebenen Raum, mit faktisch gegebenen Materialien und Gegenständen handeln präsente Personen innerhalb eines Zeitraumes.
3 „Dies ist der Schlüssel zum Verständnis unserer Zeit, die den Gesetzen der totalen Inszenierung gehorcht und nicht mehr denjenigen einer alle verbindenden Wahrheit, die von der Religion und/oder Philosophie (Ideologie) definiert worden sind. Show ist das verbindende Element, weltweit. Sie ist der Kitt der Informationsflut, der Vorherrschaft der Immaterialien und zwingt allem und jeden ihre Gesetze auf: Mehr zu scheinen als zu sein. Dabei zu sein, ob live oder in den Medien. Durch Monumentalität zu faszinieren. Show ist die Sprache des Massenzeitalters, der Massenmedien. Sie ist die Fortsetzung der Massenrituale einer ästhetisierten Politik, z.B. derjenigen der Nationalsozialisten, nur ist deren biederer Ernst dem seichten Vergnügen gewichen, das nach ihr süchtig macht. […] Im Leerlauf der Show und der üblichen Politik geschieht nichts und alles. Das Neue ist die Falle und der Köder der Show, die Verpackung des ehemals Neuen.“ In: Lischka, Gerhard Johann: Performance und Performance-Art. Ein Bild-Zitate-Essay. In: Lischka, Gerhard Johann: Splitter Ästhetik. Ausgewählte Schriften 1980-1993. Wabern-Bern: Benteli Verlag 1993, S. 253 f.
4 Mozart, Wolfgang Amadeus: Die Zauberflöte. Oper in 2 Aufzügen. Klavierauszug. Hg. v. Meinhard von Zallinger. Leipzig: Edition Peters 10425, S. 178 ff.
5 Dieses Gefühl wird noch durch meine stereotype Wiederholung der Bewegungen und die streckenweise leere (von Unverständnis geprägte) Interpretation des Textes verstärkt.
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