PHOTOGRAPHIE

FOTOSERIE, 2002
STUDIE I, 6 s/w Abzüge, 40 cm x 60 cm
Sandra Bringer
REIZ UND REAKTION 
„Auf jeden Fall kommt es darauf an, sehend zu werden. Manchmal muß all das wiedergefunden werden, was im Bild nicht zu sehen ist, um es interessant zu machen. Aber im Gegensatz dazu geht es bisweilen darum, Löcher, leere Stellen und weiße Flächen anzuführen, das Bild zu verknappen, um uns Glauben zu machen, wir würden alles sehen. Nur indem man eine Trennung vornimmt oder eine Leere aufreißt, läßt sich das gesamte Bild wiederfinden.“ (Gilles Deleuze)
Sechs großformatige Schwarzweißfotografien zeigen das Portrait ein und derselben Frau, unwirklich weiß geschminkt, mit unwirklichem Ausdruck, deutbar irgendwo zwischen angespannter aber auf kein einiges Ziel gerichteter Aufmerksamkeit und unantastbarer Versunkenheit. In Gesichtern lesen heißt, Differenz und mehr oder weniger fließende Übergänge wahrzunehmen, die sich vor allem auf eindeutige Gefühle beziehen. Die Mimik der Frau in dieser Fotoserie zeichnet einen Ausdruck, der uns verunsichert im Gespräch und – in der Ferne beobachtet – fasziniert. Es ist ein Ausdruck des Dazwischen, den die junge Künstlerin Anke Stiller in zeitlicher Dehnung auskostet. Denn nur scheinbar ist die Serie eine multiplizierte Momentaufnahme. Veränderung findet statt, vor allem aber beim Betrachter, der die minimalen Regungen zu erkennen und zu deuten versucht. Melancholie strahlt das Ensemble aus. Melancholie darüber, daß das Gegenüber nicht Anteil nehmen läßt, selbst auf der Suche nach dem konkreten Ausdruck seiner Verfassung. Eine Ahnung von dem, was verborgen bleiben soll, stellt sich ein. Man möchte nicht spekulieren. 
Bringer, Sandra: Reiz und Reaktion, in: artcore – Kunstzeitung, 1.Ausgabe, Komplizierte Auslöser VII, Bauhaus-Universität Weimar, 2003
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