PLAKATSERIE 

32 Laserdrucke, gerahmt,
60 cm x 80 cm
Ausstellungsansichten Augustinerkloster Gotha, 2013
Seit 2010 sammle ich Werbesprüche aus Printwerbekampagnen. Dabei fällt mir auf, dass der Gebrauch von Imperativen, also die Verwendung von Werbesprüchen mit Aufforderungen an den Konsumenten, als Werbestrategie immer häufiger genutzt wird.
Ein paar Beispiele hierfür: Gesicht zeigen, Werte schaffen, das Richtige tun, Zeit wahr nehmen, Genuss erleben, weiter denken, was Echtes geniessen, sieh dich wach, schütze deine Heimat, mach aus Zeit mal Auszeit, triff die Vielfalt, werde laut, bilde dich fort, trau dich zart zu sein, schütze was du liebst, werden sie aktiv ...

Dies scheint mir einen allgemeinen gesellschaftlichen Trend – wenn nicht sogar Zwang – wiederzuspiegeln. Unsere westliche Gesellschaft ist in einer Art Optimierungswahn gefangen, welcher einen ungeheuren Druck auf das Individuum ausübt und das Gefühl verbreitet, jeder Einzelne soll und muss sich ständig weiter verbessern und verändern.
Since 2010 I collect slogans from print advertising campaigns. It occurs to me that the use of imperatives, the use of slogans with stimulative nature, is used as a promotional strategy more frequently. A few examples of this: Break out, create your own path, open your mind, move well – eat well – fell well, think green, jump into life, get the feeling, never hide, look good, shift ...
This seems to reflect a general trend in society – if not even a compulsion. Our western society is caught in a kind of optimization mania, which exerts an enormous pressure on the individual and spreads the feeling that everyone is supposed to constantly improve himself.
WANDINSTALLATION  
11 Laserdrucke, gerahmt,
19 cm x 17 cm
Ausstellungsansichten Augustinerkloster Gotha, 2013
"... Die Foto-, Video- und Performancekünstlerin Anke Stiller hielt im Rahmen einer Ausstellungseröffnung auf dem Europaplatz in Stuttgart im September 2010 eine Eröffnungsrede, die als Performance konzipiert wurde und die allein aus einer Aneinanderreihung von Werbesprüchen bestand. Diese Aktion zeigt bereits, wie zahlreich, wie präsent Werbestrategien und Werbesprüche sind; wie sie uns in unserem Alltag umgeben, ja wie sie uns einfangen und unser Denken, Bewusstsein und Handeln prägen können.
In ihren Schriftbildern isoliert sie die knappen, aber umso eindringlicheren Zitate von meist Werbeplakaten aus unserem Umfeld heraus. Indem sie allein den Text, d.h. die einzelnen schwarzen Lettern, auf weißem Papier in fetten Majuskeln druckt und rahmt, entnimmt sie diese aus ihrem eigentlichen Kontext. Die weiße Fläche des Grundes unterstützt dabei den vermeintlichen oder gut gemeinten Wahrheitsanspruch.
Textzeilen wie „BILDE DICH FORT“, „TRIFF DIE VIELFALT“ oder „THINK GREEN“ sowie „JUMP INTO LIFE“ oder „OPEN YOUR MIND“ aus der Serie MOVING WORDS 2013, Slogans I sind an uns gerichtete Imperative, die nicht nur eine bestimmte Lebenshaltung und -einstellung fordern, sondern die zugleich darauf verweisen, wie wir nicht sind und was uns – anscheinend – fehlt.
Dabei sollen wir doch nur „WEITER KOMMEN“, „MEHR ERLEBEN“ und „DAS RICHTIGE TUN“ und können dabei noch „GENUSS ERLEBEN“. Was spricht dagegen?
In den kleinformatigen Arbeiten MOVING WORDS 2013, Slogans II begegnen uns nicht selten auch paradoxe Konstellationen innerhalb eines Werbespots zum Beispiel wenn es heißt „flexibler. sicher. fair.“ oder „natürlich. effektiv. gesund.“.
Insgesamt können diese als Bestandsaufnahmen unserer Gesellschaft gelesen werden: es sind Erwartungshaltungen, die wir zu erfüllen haben, die aber – vor allem in ihrer Gesamtheit – von einem Ideal ausgehen, das es nicht gibt.
Was wir in dem Kirchenraum und in den angrenzenden Ausstellungsräumen sehen, sind im Grunde Schrifttafeln, die in ihrer Prägnanz, Eindringlichkeit und vor allem auch in ihrer Reihung einen neuen und auch bewussteren Blick auf die gesellschaftlichen Formeln und Vorgaben zulassen und herausfordern. Anke Stiller spielt dabei mit Bekanntem und Irrationalem, mit Anspruch und Wirklichkeit und nicht zuletzt mit der Verortung des Individuums in dem Makrosystem der Gesellschaft. In diesem Sinne können wir in diesen Textzeilen und Wortblöcken auch Indikatoren unserer Gesellschaft lesen.
Ihre künstlerische Umsetzung besticht durch das Herausfiltern des Kerns, also der Worte, aber sie bietet uns vor allem die Möglichkeit, eine neue Auseinandersetzung mit deren Bedeutungen, Strategien sowie deren ideologischen Gehalt und ihrer Relevanz für unser Alltagsleben und unser Bewusstsein zu aktivieren."
Elisabeth Rentsch M. A., Kunsthistorikerin
Laudatio anlässlich der Ausstellungseröffnung "WORTE"
am 07. September 2013, Augustinerkloster Gotha
 
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